Sanierungsverfahren
Insolvenz abwenden: Der außergerichtliche Gläubigervergleich
Autor / fachlich geprüft von INSOLVENZPILOT Team
Veröffentlicht am 29. August 2026 · Zuletzt aktualisiert am 27. September 2026 · Lesezeit 9 Min.
Vor einem Verfahren lässt sich oft außergerichtlich mit Gläubigern verhandeln. Der Beitrag zeigt, wann das realistisch ist, wie Stillhalteabkommen und Quotenvergleich funktionieren und welche Grenzen gelten.
Kurze Antwort
Ein außergerichtlicher Gläubigervergleich ist eine freiwillige Vereinbarung zwischen Unternehmen und Gläubigern über Stundung, Ratenzahlung oder Teilverzicht – ohne Gericht und ohne Öffentlichkeit. Er bindet nur Gläubiger, die zustimmen; eine Mehrheitsentscheidung wie im Sanierungsverfahren gibt es nicht. Wichtig: Laufende Verhandlungen verlängern die Frist zur Insolvenzantragstellung nach § 69 IO nicht. Liegt Zahlungsunfähigkeit vor, muss parallel geprüft werden, ob ein Antrag geboten ist.
Kurz erklärt
- Der außergerichtliche Vergleich beruht allein auf Vertrag – er bindet nur zustimmende Gläubiger.
- Ein Stillhalteabkommen verschafft Zeit, beseitigt aber keine bestehende Zahlungsunfähigkeit.
- Verhandlungen setzen die Antragspflicht nach § 69 IO nicht außer Kraft.
- Gläubiger sollten gleich behandelt werden – sonst drohen Widerstand und spätere Anfechtung.
- Scheitert der Vergleich, bleibt das gerichtliche Sanierungsverfahren als Option.
Was ist ein außergerichtlicher Gläubigervergleich?
Wenn ein Unternehmen seine Verbindlichkeiten nicht mehr fristgerecht bedienen kann, ist der Weg zum Insolvenzgericht nicht automatisch der erste Schritt. Häufig lässt sich zunächst direkt mit den wichtigsten Gläubigern verhandeln: mit der Hausbank, mit Lieferanten, mit Leasinggebern, mit dem Vermieter oder mit öffentlichen Gläubigern wie Finanzamt und Österreichischer Gesundheitskasse.
Ziel eines außergerichtlichen Vergleichs ist eine Vereinbarung, die dem Unternehmen wieder Luft verschafft – etwa durch Stundung, Ratenzahlung, einen teilweisen Forderungsverzicht oder eine Kombination daraus. Anders als im gerichtlichen Verfahren gibt es keinen Insolvenzverwalter, keine Veröffentlichung in der Ediktsdatei und keine gerichtlich festgelegten Fristen. Das macht den Weg diskret und flexibel, aber auch verletzlich.
Rechtlich handelt es sich um gewöhnliche Verträge nach allgemeinem Zivilrecht. Jede Vereinbarung wirkt nur zwischen den Parteien, die sie abschließen. Genau darin liegt der zentrale Unterschied zum Sanierungsplan im gerichtlichen Verfahren.
Wann ist eine außergerichtliche Einigung realistisch – und wann nicht?
Eine außergerichtliche Lösung hat dann gute Aussichten, wenn die Krise vor allem ein Liquiditätsproblem ist und das Geschäftsmodell grundsätzlich trägt. Gläubiger stimmen eher zu, wenn sie nachvollziehen können, dass sie mit einer Einigung besser fahren als in einem Insolvenzverfahren.
Schwierig wird es, wenn sehr viele Gläubiger beteiligt sind, einzelne Gläubiger bereits Exekution führen oder das Unternehmen bereits zahlungsunfähig ist und keine belastbare Aussicht auf Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit besteht.
- Eher realistisch: überschaubare Zahl an Hauptgläubigern, nachvollziehbare Ursache der Krise, belastbare Liquiditätsplanung, Bereitschaft zu Transparenz.
- Eher realistisch: ein Gläubiger oder wenige Gläubiger halten den Großteil der Forderungen (z. B. die Hausbank).
- Eher schwierig: stark zersplitterte Gläubigerstruktur mit vielen Kleingläubigern.
- Eher schwierig: bereits laufende Exekutionen oder gestellte Insolvenzanträge durch Gläubiger.
- Eher schwierig: fehlende Unterlagen oder ein Geschäftsmodell ohne erkennbare Zukunft.
Stillhalteabkommen: Zeit gewinnen für die Verhandlung
Ein Stillhalteabkommen (englisch häufig „Standstill“) ist oft der erste Baustein. Die Gläubiger verpflichten sich darin, für einen bestimmten Zeitraum keine Forderungen fällig zu stellen, keine Kredite zu kündigen, keine Sicherheiten zu verwerten und keine Exekution zu betreiben. Im Gegenzug verpflichtet sich das Unternehmen typischerweise zu Transparenz, regelmäßiger Berichterstattung und zur Ausarbeitung eines Sanierungskonzepts.
Wichtig ist die richtige Erwartung: Ein Stillhalteabkommen verschiebt Zahlungsverpflichtungen, es beseitigt sie nicht. Ob damit eine bereits eingetretene Zahlungsunfähigkeit tatsächlich behoben ist, hängt davon ab, ob die gestundeten Forderungen wirklich nicht mehr eingefordert werden und die übrigen laufenden Verbindlichkeiten bedient werden können.
Quotenvergleich: Teilverzicht gegen sichere Zahlung
Beim Quotenvergleich bieten Unternehmen ihren Gläubigern an, einen bestimmten Prozentsatz der Forderung zu zahlen – als Einmalbetrag oder in Raten –, während die Gläubiger auf den Rest verzichten. Für Gläubiger ist das dann attraktiv, wenn die angebotene Quote realistisch höher ist als das, was sie in einem Insolvenzverfahren erwarten könnten, und wenn die Zahlung schneller erfolgt.
Welche Quote angemessen ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Sie hängt von der Vermögenslage, der erwartbaren Fortführungsliquidität und den Alternativen der Gläubiger ab. Seriös ist ein Angebot nur, wenn es durch eine nachvollziehbare Planung gedeckt ist – ein Angebot, das später nicht erfüllt werden kann, verschärft die Lage.
Warum Einstimmigkeit nötig ist
Im gerichtlichen Sanierungsverfahren kann ein Sanierungsplan mit den gesetzlich vorgesehenen Mehrheiten angenommen werden und bindet dann auch Gläubiger, die dagegen gestimmt haben. Diese Bindungswirkung gibt es außergerichtlich nicht. Wer nicht unterschreibt, behält seine volle Forderung und kann sie weiterhin durchsetzen.
In der Praxis führt das zum sogenannten Trittbrettfahrer-Problem: Einzelne Gläubiger verweigern die Zustimmung in der Hoffnung, dass die anderen verzichten und sie selbst voll bezahlt werden. Außergerichtliche Vereinbarungen werden deshalb häufig unter die Bedingung gestellt, dass alle oder eine festgelegte Gruppe wesentlicher Gläubiger zustimmen.
Gleichbehandlung der Gläubiger
Gläubiger vergleichen. Wer erfährt, dass ein anderer Gläubiger bessere Bedingungen bekommen hat, verliert das Vertrauen in den gesamten Prozess. Transparente, einheitliche Angebote – mit sachlich begründeten Unterschieden etwa zwischen besicherten und unbesicherten Gläubigern – sind daher nicht nur fair, sondern auch taktisch klug.
Hinzu kommt ein rechtlicher Aspekt: Scheitert die Sanierung und wird später doch ein Insolvenzverfahren eröffnet, prüft der Masseverwalter, ob einzelne Gläubiger in der Krise bevorzugt wurden.
Risiko der späteren Anfechtung
Zahlungen und Sicherheitenbestellungen im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs können in einem späteren Insolvenzverfahren nach den §§ 27 ff IO anfechtbar sein – insbesondere, wenn sie einzelne Gläubiger begünstigen oder in Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit erfolgten. Das gilt besonders für neue Sicherheiten für bereits bestehende Altkredite.
Das bedeutet nicht, dass man nicht verhandeln sollte. Es bedeutet, dass Vereinbarungen sorgfältig dokumentiert und auf ein tragfähiges Gesamtkonzept gestützt sein sollten. Wie die Anfechtung im Detail funktioniert, erklärt der Beitrag zur Anfechtung durch den Masseverwalter.
Ganz wichtig: Die Frist nach § 69 IO läuft weiter
Ist ein Unternehmen zahlungsunfähig oder – bei Kapitalgesellschaften – überschuldet im Sinn des § 67 IO, ist der Insolvenzantrag ohne schuldhaftes Zögern zu stellen, spätestens binnen 60 Tagen nach Eintritt der Insolvenz. Diese Frist ist eine Höchstfrist, die für ernsthafte, sorgfältig betriebene Sanierungsbemühungen gedacht ist.
Außergerichtliche Verhandlungen setzen diese Frist nicht außer Kraft und verlängern sie nicht. Wer mit Gläubigern verhandelt, während die Zahlungsunfähigkeit bereits besteht, muss realistisch einschätzen, ob die Einigung innerhalb der Frist erreichbar ist. Ist absehbar, dass sie scheitert, ist ein Antrag vorzubereiten – oft in Form eines Sanierungsverfahrens, das die Verhandlungslösung gerichtlich fortsetzt.
Wer die Frist verstreichen lässt, riskiert persönliche Haftung für den Schaden, der Gläubigern durch die Verzögerung entsteht, und im Extremfall strafrechtliche Konsequenzen. Früh zu klären, wo man steht, ist daher der beste Schutz.
Vergleich im Überblick
Die folgende Tabelle stellt die beiden Wege gegenüber. Sie ist bewusst vereinfacht; im Einzelfall kommen weitere Punkte hinzu.
| Kriterium | Außergerichtlicher Vergleich | Sanierungsverfahren |
|---|---|---|
| Zustimmung | Jeder betroffene Gläubiger muss zustimmen | Gesetzliche Mehrheiten der Gläubiger reichen |
| Dauer | Frei vereinbar, hängt von Verhandlungen ab | Gerichtlich strukturierter Ablauf mit Fristen |
| Öffentlichkeit | Vertraulich, keine Veröffentlichung | Bekanntmachung in der Ediktsdatei |
| Bindungswirkung | Nur für zustimmende Gläubiger | Angenommener Sanierungsplan bindet alle betroffenen Gläubiger |
| Gericht / Verwalter | Nicht beteiligt | Insolvenzgericht, ggf. Sanierungs- oder Masseverwalter |
| Antragspflicht § 69 IO | Wird nicht aufgehoben | Durch den Antrag erfüllt |
Hinweis
Diese Darstellung ist allgemein gehalten und ersetzt keine Beurteilung des Einzelfalls. Rechtsberatung im engeren Sinn erfolgt ausschließlich durch eine in Österreich eingetragene Rechtsanwaltskanzlei.
Praxisbeispiel
Praxisbeispiel (anonymisiert)
Ein Wiener Handwerksbetrieb mit rund 20 Mitarbeitenden verlor einen Großauftrag und geriet in einen Liquiditätsengpass. Die wesentlichen Verbindlichkeiten lagen bei der Hausbank und bei drei Lieferanten. Auf Basis einer 13-Wochen-Liquiditätsplanung wurde zunächst ein Stillhalteabkommen verhandelt, anschließend ein einheitliches Ratenangebot an alle Lieferanten.
Parallel wurde laufend geprüft, ob Zahlungsunfähigkeit vorlag und ob die Frist nach § 69 IO berührt war. Welcher Weg im Einzelfall richtig ist, hängt immer von den konkreten Zahlen ab – das Beispiel zeigt nur die Vorgehensweise, kein vorhersehbares Ergebnis.
Anonymisiertes, verallgemeinertes Beispiel zur Veranschaulichung. Jeder Fall ist individuell zu beurteilen.
Was sollten Sie jetzt tun?
- 01Verschaffen Sie sich einen vollständigen Überblick über alle Gläubiger und offenen Forderungen.
- 02Erstellen Sie eine realistische Liquiditätsplanung für die nächsten Wochen.
- 03Klären Sie, ob bereits Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vorliegt – und seit wann.
- 04Sprechen Sie Gläubiger mit einheitlichen, belegbaren Vorschlägen an.
- 05Halten Sie den Plan B – ein Sanierungsverfahren – vorbereitet.
Häufige Fragen zu diesem Thema
- Muss ich für einen außergerichtlichen Vergleich zum Gericht?
- Nein. Der außergerichtliche Vergleich ist eine vertragliche Einigung mit den Gläubigern ohne Beteiligung des Gerichts.
- Was passiert, wenn ein Gläubiger nicht zustimmt?
- Er ist an die Vereinbarung nicht gebunden und kann seine volle Forderung weiter verfolgen. Oft wird die Vereinbarung deshalb unter die Bedingung gestellt, dass alle wesentlichen Gläubiger zustimmen.
- Hemmen laufende Verhandlungen die Insolvenzantragspflicht?
- Nein. Die Frist nach § 69 IO läuft ab Eintritt der Zahlungsunfähigkeit bzw. Überschuldung weiter, auch während verhandelt wird.
- Ist ein außergerichtlicher Vergleich öffentlich?
- Nein, er ist grundsätzlich vertraulich. Im gerichtlichen Sanierungsverfahren erfolgt dagegen eine Bekanntmachung in der Ediktsdatei.
- Können Zahlungen aus dem Vergleich später angefochten werden?
- Wird später doch ein Insolvenzverfahren eröffnet, können Zahlungen oder Sicherheiten unter den Voraussetzungen der §§ 27 ff IO anfechtbar sein. Sorgfältige Dokumentation und Gleichbehandlung verringern dieses Risiko.
Fazit
Der außergerichtliche Vergleich ist ein wertvolles Werkzeug, um eine Insolvenz abzuwenden – diskret, flexibel und oft schneller als ein Verfahren. Er funktioniert aber nur mit Zustimmung aller Betroffenen und ersetzt nicht die Prüfung der Antragspflicht. Wer früh strukturiert vorgeht, hat die meisten Optionen.
Ihr Unternehmen steckt in einer wirtschaftlich schwierigen Situation?
Besprechen Sie Ihre Situation vertraulich mit INSOLVENZPILOT. Das erste Orientierungsgespräch ist kostenlos.
Passende Leistungen
Quellen & weiterführende Informationen
Fachliche Prüfung: INSOLVENZPILOT Team – Unternehmenskrisen, Restrukturierung, Insolvenzbegleitung. Zuletzt aktualisiert am 27. September 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick zum österreichischen Rechts- und Wirtschaftskontext und stellt keine individuelle Rechts- oder Steuerberatung dar. Die Beurteilung eines Einzelfalls erfordert eine Prüfung der konkreten Umstände; bei komplexen rechtlichen Fragen ist gegebenenfalls zusätzliche anwaltliche Beratung erforderlich.
Weitere Beiträge
Sanierung vor Insolvenz – welche Möglichkeiten gibt es?
Bereits vor einem formellen Insolvenzverfahren bestehen für Unternehmen verschiedene Sanierungsmöglichkeiten. Der Beitrag stellt außergerichtliche Optionen und deren Grenzen vor.
Sanierungsverfahren in Österreich einfach erklärt
Das Sanierungsverfahren ist der zentrale rechtliche Rahmen, um ein österreichisches Unternehmen in der Krise zu sanieren statt zu liquidieren. Der Beitrag erklärt die Grundlagen verständlich.
Fortbestehensprognose: Wann sie die Insolvenzantragspflicht abwendet
Bei rechnerischer Überschuldung entscheidet die Fortbestehensprognose, ob eine GmbH insolvenzrechtlich überschuldet ist. Der Beitrag erklärt Aufbau, Unterlagen, Zeitraum und Haftungsfolgen.
Restrukturierungsverfahren nach der ReO: Sanierung vor der Insolvenz
Seit 17.07.2021 gibt es in Österreich mit der Restrukturierungsordnung (ReO) ein präventives Verfahren vor der Insolvenz. Der Beitrag erklärt Voraussetzungen, Ablauf und Varianten.
Anfechtung durch den Masseverwalter: Was Geschäftsführer und Gläubiger wissen müssen
Der Masseverwalter kann Zahlungen und Rechtsgeschäfte vor der Insolvenz anfechten. Der Beitrag erklärt die Anfechtungstatbestände der §§ 27 ff IO, die Fristen und die Folgen für Geschäftsführer und Gläubiger.
Kann man ein insolventes Unternehmen noch retten?
Eine Rettung ist möglich, wenn ein tragfähiger Kern existiert und rasch gehandelt wird. Die wichtigsten Faktoren im Überblick.
Nächster Schritt
Je länger Sie warten, desto kleiner können Ihre Handlungsmöglichkeiten werden.
Besprechen Sie Ihre Situation vertraulich mit uns.
Ein erstes Orientierungsgespräch ist kostenlos und unverbindlich.
Diskret · Persönlich · Schwerpunkt Wien & Österreich
